Matera - 2019 Kulturhauptstadt Europas - Sassi

Maria fragte mich, ob wir auch nach Matera reisen, das sei eine interessante Stadt. In Bari hat sie die Werbekampagne über die Provinz Basilikata und die Stadt Matera beachtet. Ich kannte diese Stadt ebenso wenig, informierte mich jedoch im Internet. Nach einigen "Surfminuten" war der Entscheid schnell gefällt, "diese Stadt besuchen wir". Wir hätten etwas ganz Besonderes verpasst, hätten wir Matera und die Sassi nicht besucht. 



Die Sassi, so nennt man die Höhlensiedlungen, wurden in dieser Region bereits in der Jungsteinzeit, also vor ca. 10'000 Jahren, von Menschen gebaut und bewohnt. Matera gilt dadurch als eine der ältesten Stadt der Welt. Im relativ weichen Sand- und Tuffstein nutzten die Bewohner die bereits bestehenden Höhlen. Sie bauten diese auf eine einfache Art aus und setzten teils den Aushub ein, um die Öffnung der Höhlen zu schliessen. In Anbetracht, dass die Stadt auf einer karstigen Hochebene, umgeben von verschiedenen Schluchten des sich windenden Flusses Gravina di Matera steht (von der Ebene bis zum Flussbett ist der Höhenunterschied gut 200 Meter), wurden so Behausungen auch übereinander erstellt. Um genügend Wasser zu haben wurden viele Zisternen gebaut. Die Grösste ist die Palombaro Lungo, eine riesige unterirdische Zisterne mit einer Kapazität von 5Mio Liter Wasser, die in den Felsen geschlagen wurde. 


Ein Sassi ist in der Regel eine Behausung für eine Familie. Grundsätzlich besteht ein Sassi aus einem grossen Raum mit einigen Nischen. In einer Nische hatte es Schlafstellen, die teils auch übereinander angelegt wurden. Eine weitere Nische diente als Küche, in der Mitte der Sassi stand ein kleiner Tisch mit einem grossen Teller. Die Familienmitglieder haben alle aus demselben Teller gegessen. In einer weiteren Nische wurden Tiere gehalten. Maulesel, Ziegen, Schafe, einfach was so Platz in der entsprechenden Nische fand. Im Eingangsbereich ist oft auch ein Arbeitsplatz für Arbeiten wie Lederbearbeitung etc. eingerichtet. Das Sassi, welches wir besucht haben ist wohl eher eine kleine Behausung gewesen. In dieser wohnte eine Familie mit sechs Kindern. 


In der Mitte des 20. Jahrhunderts lebten immer noch gut 15'000 Menschen in über 3'000 Höhlen (Sassi), ohne Strom, ohne fliessendes Wasser und "rauchfreier" Beheizung. Die Stadt wurde von der Malaria heimgesucht. Die einfachen, schlechten und unhygienischen Unterkünfte trieben die Kindersterblichkeit auf über 40%. Die Regierung beschloss mit drastischen Massnahmen, die Sassi zu räumen. Die Bewohner wurden zwangsweise in die neue Stadt umgesiedelt. Zirka 1968 wurde die Umsiedlung abgeschlossen. Das Gelände mit den Sassi wurde nicht mehr genutzt und zerfiel langsam. Es wurde von Jugendlichen unerlaubterweise als Spielplatz genutzt. 


Knapp 20 Jahre später, im Jahr 1986, wurden die Sassi quasi wiederentdeckt. Man spricht von der Wiedergeburt der Sassi. Man begann, die Höhlen zu restaurieren und mit modernen Heizungen, Kochnischen und hygienischen Anlagen einzurichten. Viele Restaurants, Museen, Hotels, B&B, Ferienunterkünfte, eine Bäckerei, Enotheken, Werkstätten für Kunsthandwerk, Souvenirläden und privat genutzte "Häuser" wurden fertiggestellt und es zog Leben in die Sassi-Quartiere. Es lädt ein, stundenlang durch die Gassen zu flanieren und zu fühlen, wie hier früher gelebt wurde.



Die "neue" Stadt der Sassi ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen aus der ganzen Welt. Im Jahr 1993 wurde Matera als UNESCO-Weltkurlurerbe aufgenommen und steht unter Denkmalschutz. 2019 war Matera, zusammen mit dem Bulgarischen Plowdiw, Kulturhauptstadt Europas. 


Wir haben einige Felsenkirchen besucht. Zum Besuch von drei Kirchen ist der Eintritt zu berappen. Beim Eintritt wird informiert, dass Fotografieren verboten ist. Dafür erhält man bei jeder Kirche ein Flugblatt mit Erklärungen. Die Wandgemälde sind sehr eindrücklich. Zum Glück gibt es weitere Felsenkirchen die frei besichtigt werden können und man einige Aufnahmen zur Ergänzung machen kann.



Die Kathedrale wurde an der Stelle des alten Benediktinerklosters im Jahr 1230 gebaut. Die neue Kirche sollte gross und dominant über den Sassi erscheinen. Um das zu erreichen wurde der Felsengrund um mehr als sechs Meter angehoben. Die Kathedrale wurde im Jahr 1270 fertig erstellt. Ein kleiner Teil des Benediktinerklosters wird in einem Seitenschiff sichtbar gemacht, was der Kirche etwas Besonderes schenkt. 



Auf Werbebroschüren für Matera ist öfters eine grosse Hängebrücke als Attraktion abgebildet. Ich habe im Internet nach dieser Brücke gesucht, in den Broschüren nachgeschaut, erfolglos. Wenn man in die Schlucht schaut sucht man doch nach einer langen und hoch gebauter Brücke, die von weither sichtbar ist. Dem ist nicht so. Nach langer Suche habe ich das "Gügerli" entdeckt und es versteht sich, dass wir diese, schon nur der Foto wegen, begangen haben. Die Hängebrücke ist so tief im Tal, dass man sie kaum entdecken kann. Es wäre einfacher, den Bach zu überqueren als erneut einige Schritte hochzugehen, damit man die Brücke begehen kann. Die zweistündige Wanderung, welche wir gemacht haben, bleibt unvergesslich. Schon nur der Blick auf die Stadt vis-à-vis ist spannend. Am anderen Tag ging ich noch einmal auf einen anderen "Hügel" mit ebenso spannender Sicht auf die Stadt und die einst auch bewohnte andere Seite, auf welcher wir am Vortag gemeinsam gewesen waren.  


Es wird oft hervorgehoben, dass man Matera bei Nacht in einer Art natürlicher Beleuchtung sehen und erleben sollte. Das haben wir gemacht. Auch das war sehr eindrücklich. 


Auf bald 😊





































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