78 - Xining, Provinz Qinghai
Xining, vom tibetischen zi ling, was westliche Ruhe, Frieden bedeutet, gehörte einst zum Einzugsgebiet vom Tibet und liegt auf gut 2'200 müM an der Seidenstrasse. Wir fanden ein tolles Hotel direkt am Nanchuan River, der kurz darauf in den Huangshui River fliesst, welcher etwas vor Lanzhou in den Yellow River mündet. Xining, die Hauptstadt der Provinz Qinghai, beherbergt in der Stadt und Region einige Höhepunkte, die wir besuchen konnten.
Kumbum, oder Ta'er Tempel, einer der sechs wichtigsten und grössten Tempel des buddhistischen Glaubens. Es wird auch als Kloster der Hunderttausend Bilder des Buddha Maitreya genannt. Buddha Maitreya wird als Buddha der Zukunft und grosser, kommender Weltlehrer verehrt. Ende des 16. Jahrhunderts wurde die erste Klosterbaute eingeweiht. Der dritte Dalai Lama besuchte diese Stätte einige Jahre darauf. Die Klosteranlage wurde weiter ausgebaut und entwickelte sich zu einer wichtigen Klosteruniversität im tibetischen Hochland, welche noch heute ein hohes Ansehen geniesst. Noch Ende des 20. Jahrhunderts wurde ein "Universitäts-Tempel" fertig erstellt. Tsongkhapa ist der Gründer der Gelug-Schule, auch Gelbmützen-Schule genannt. Sie ist die jüngste von vier Lehren neben Nyingma, Sakya und Kagyü. Anlässlich unseres Besuchs fand eine Prüfung unter den Mönchen statt. Eine riesige Anzahl Mönche knieten um eine Herrlichkeit und wohl ein Prüfling ging auf und ab und murmelte etwas vor sich hin. Vermutlich ein Gebet. Ein eindrückliches Erlebnis. In der Mönchsküche durften wir ein Foto schiessen. Sie packten ein Butterprodukt in dünnen Scheiben ein, welche den Mönchen nach der Zeremonie zum Genuss geschenkt wurden.
Von Xining aus sind wir mit einem Reisebus über einen Pass (3'800 müM) im Qilian-Gebirge zum Chaka Salzsee, welcher auf gut 3'000 müM liegt, gefahren. Einen Salzsee auf dieser Höhe zu entdecken wirft umgehend einige Fragen auf. Wie kann das sein? Es wäre spannend, die Erdkrustenbewegung, oder die Plattentektonik, zu studieren und zu beschreiben. Eine Zusammenfassung wäre nach stundenlangem Studium wohl ebenso lange. Ich halte mich daher ganz kurz. Es ist bekannt, dass sich die Erdplatten trennen oder gegeneinander stossen. Dadurch werden die Hochplateaus gebildet. Das war hier der Fall, der ursprüngliche Teil des Ozeans hob sich auf und bildete diesen Salzsee auf über 3'000 müM. Der Salzgehalt ist sehr hoch und wird weiter mit Salz gespiesen. Bei starkem Regenfall löst das Regenwasser Salz aus den umliegenden Bergen und befördert dieses in den See. Wir sind mit einem kleinen Zug in den Salzsee hinausgefahren, konnten Gummistiefel fassen und durch das stark salzhaltige Wasser waten. Der Spiegeleffekt war sehr eindrücklich. Wenn alles Salz gewonnen würde, hätte China über mehrere Jahrzehnte genügend Salz für seine Bevölkerung. Zum Glück nutzen sie diesen See heute vor allem, um Touristen dieses Naturspektakel bewundern zu lassen.
Am darauffolgenden Tag besuchten wir den Qinghai See, ein Salzsee auf 3'196 müM, der wie der Chaka-See entstand. Der See ist riesig, seine Grösse ist ziemlich genau ein Zehntel der Schweiz, etwas kleiner als der Kanton Wallis.
Die Übernachtung in einem einfachen Hotel war okay. Man sagte uns, dass man möglichst nicht duschen solle. Wir befolgten das gerne, ich hätte keine Lust dazu gehabt. Es gab ein Abendessen. Ich hatte die Absicht, eine Schale Reis zu essen, doch als ich die Küche sah habe ich darauf verzichtet. Ich setzte mich zuerst an den Tisch da ich nicht unhöflich sein wollte. Als die Platten mit Fleisch und Gemüse aufgetragen wurden begannen die Tischnachbarn sich zu bedienen. Sie assen schmatzend, es kam mir vor wie in einem Schweinestall. Ich verliess den Tisch und suchte in der nahen Region ein kaltes Bier. Ich hatte Glück und genoss es sehr.
Zum ersten Mal haben wir eine zweitägige Reise mit einer Reisegruppe gebucht. Die Reiseroute entsprach unserer Vorstellung, doch was wir nicht gewusst haben, es war auch eine Werbe- und Verkaufsreise. Wir haben uns, wie es sich gehört, vor der Reise entsprechend informiert und in einer Apotheke eine Sauerstoffflasche für die Fahrt auf über 3'000 Meter gekauft. Nach einer Stunde im Bus gab es einen ersten Halt. Es wurden Sauerstoffflaschen verkauft. Wir sagten, dass wir bereits eine gekauft hätten. Uns wurde mitgeteilt, dass diese zu wenig Inhalt habe. Maria, eher etwas ängstlich, was die Gesundheit betrifft, kaufte eine weitere Flasche zum vierfachen Preis (die wir schlussendlich absolut nicht gebraucht haben). Der Rest des Tages war angenehm, ohne Verkaufsanlässe. Am darauffolgenden Tag wurde uns mitgeteilt, dass wir beim zweiten Halt ein historisches tibetanisches Dorf besuchen werden und wir sogar eine Wohnung sehen können. Ich war begeistert... wir wurden herzlich von einer Dame in traditionellem Kleid empfangen. Sie führte uns direkt in "ihre" Wohnung. Fotografieren war untersagt, es war schlicht eingerichtet und hatte ein Bild von Mao, Xi und dem chinesischen Dalai. Sie zeigte uns, wie sie Tee kochen, ich war immer noch begeistert, auch wenn ich kaum etwas verstanden habe. Das Ganze zog sich in die Länge und schlussendlich präsentierte sie einen silbernen Kamm, und erklärte, was der alles für Heilkräfte habe. Es wurde mir dann zu lange und ich wanderte durch das kleine künstlich geschaffene Dorf. Im kleinen Tempel roch es stark nach Alkohol. Es gab ein ungepflegtes und beschädigtes Schulhaus, das bestimmt seit Jahren nicht mehr genutzt wird. Auf dem Spielplatz davor war nichts mehr intakt. Kaum als ich zurück zu der Verkaufsveranstaltung ging, wurde man in einen grossen Saal begleitet. Dort wartete der Silberschmied mit einer kurzen Vorführung, wie man Silber und Versilbertes unterscheiden kann. Dann standen viele Damen und Herren bereit, die für den Verkauf geschult sind. Viele Reiseteilnehmer haben sich geärgert, denn die Präsentation dauerte gegen zwei Stunden. Man hätte lieber mehr Zeit am Qinghai See verbracht. Wenige Reisende haben dann doch Silberwaren eingekauft - ein Mann zum Ärger seiner Frau, welche die Geste ihres Mannes bestimmt zu schätzen wusste, sich aber bewusst war, dass es reine Abzockerei war. Auf dem Weg zum Bus sah ich, dass es sicher weitere zehn "persönliche Wohnungen" zu besichtigen gab, die genau gleich mit dutzenden Hockern (kleinen Holzstühlen) ausgerüstet sind, um die Besucher für ihre Silberprodukte "gluschtig" zu machen.

Die nette Dame, welche uns in "ihr persönliches" Haus führte, fotografieren verboten. Das Dorf ist nicht mehr gepflegt, eher am zerfallen. Für Verkaufsveranstaltungen dient es scheinbar immer noch gut.
Anschliessend hatten wir Zeit (leider nicht mehr so viel), mit dem Schiff auf eine Halbinsel zu fahren um den See fühlen und spüren zu können. Die Weite und das besondere Blau faszinierten uns.
Kurz vor der Ankunft in Xining fand noch die dritte und letzte "Verkaufsveranstaltung" im Tongkor Tempel statt. Ein Mönch erklärte im ersten Stock des Tempels anscheinend überzeugend und gut, wie man leben sollte. Wir haben diesen "spirituellen" Teil dann verlassen und anschliessend vernommen, dass sich einige Personen "überlisten" liessen, ihre Zukunft voraussagen zu lassen. Maria hat mitbekommen, dass diese Leute recht hohe, vierstellige Summen gespendet haben, damit ihr Leben hoffentlich nach ihren Vorstellungen verlaufen werde.
Erntezeit; während der Fahrt zurück vom Tongkor-Tempel beobachteten wir, wie die Landwirte Getreide ernteten. Die gelben Felder, daneben Felder mit Garben haben mich in die Vergangenheit zurückgeführt. Ich erinnerte mich an alte Zeiten, wo man in der Schweiz auch noch Felder mit unzähligen Garben sehen konnte. Das ist heute bei uns mit der mechanisierten Landwirtschaft verschwunden. Durch meine Adern fliesst teils auch Bauernblut, die Nähe zur Natur ist bei mir gewichtig. Mich fasziniert es immer wieder, wie man sät und pflanzt, Bäume pflegt und einmal im Jahr die Ernte einholen darf. Das Bild eines Sämanns von Vincent van Gogh ist mir immer wieder präsent. Ein Geschenk der Natur, wenn man sie pflegt. Auf nachfolgendem Foto sind wohl Hirsegarben zu sehen. Es hat auch Weizen, Raps, Sonnenblumen und unendlich viel Mais in dieser Region. Auch Früchte, Obst und Datteln werden hier kultiviert.
Im Provinzmuseum lernten wir die Vergangenheit dieses Landes kennen. Ich musste schmunzeln als ich sah, dass es lange vor der "Stäbchen-Esskultur" bereits Messer, Gabel und Löffel in der tibetischen Region gab. Während der Steinzeit bauten sie Wohnhäuser, die teils leicht vertieft waren. Das Foto kommt nicht richtig zur Geltung, deshalb die zwei Tonfiguren (über 3'000 Jahre alt) die mich ansprechen. Links ist ein Uhu, Lulu Schlaraffen!
Die Nomaden sollen nach der Volksregierung anscheinend etwas "sesshafter" gemacht werden. Sie möchte nicht mehr, dass die Schafhirten mit ihren Jurten von Steppe zu Steppe ziehen und das Land "verschmutzen". Sie sollen sich feste Bauten machen, wo sie durchziehen können... Da kam mir die Aktion "Kinder der Landstrasse" in den Sinn.
Die Dongguan Moschee, im Jahr 1380, während der Ming-Dynastie gebaut, war zur Zeit unseres Aufenthalts in Restauration. Die zwei Türme werden vollständig neu gebaut. Ich gehe davon aus, dass diese wie früher neu brillieren werden. Wir sind gerade zu einer Gebetsstunde angekommen. Die Moschee war während einer knappen Stunde nur für Muslime geöffnet, welche am Gebet teilnahmen. Die Moschee fasst etliche tausend Menschen, sie war zum Bersten voll, sodass viele Gläubige ihre Teppiche sogar vor dem Eingang auf die Strasse legten, um sich dem Gebet zu widmen. Sehr eindrückliche Szene.
Schon nur die beiden Gebäude, des "China Tibetan Medicine Culture Museum" waren sehr eindrücklich. Überhaupt, die Museen in China sind immer überdimensional gebaut und spannend gestaltet. Diesen Raum (und die Finanzen) haben wir in der Schweiz und in Europa kaum. Es lohnt sich immer wieder, solche Museen zu besuchen, auch wenn nur wenig in Englisch beschriftet ist.
In diesem Museum ist eindrücklich und anschaulich die Geschichte des Tibet mit all seinen Königen präsentiert. Teppiche und Thangkhas, sowie verschiedenste Trachten können bestaunt werden. Master Tsöndrü Rabgey hat mit 400 Studenten während vier Jahren den längsten Thangkha gemacht. Dieser ist 618 Meter lang. (Bilder oben).
Nachfolgende Texttafel im Museum bewegte mich etwas. Der 1. Oktober ist Chinas Nationalfeiertag. Die im Mai 1951 festgehaltene Vereinbarung zwischen China und dem Tibet, welche eine friedliche Befreiung festhält auch.
Nachfolgender Text ist eine übersetzte Zusammenfassung einer weiteren Informationstafel: Am 14. Mai 2017 hielt Xi eine Ansprache anlässlich des Belt and Road Forums. Er hielt fest, dass in einigen Regionen der Seidenstrasse entlang Land ist, wo Milch und Honig fliesse. Der Terrorismus, Symptome und Ursachen, sollen verstärkt bekämpft werden. Man soll sich bemühen, die Armut, Rückständigkeit und soziale Ungerechtigkeit zu verbessern. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, sind wir voller kulturellem Selbstvertrauen. Wenn wir in die Zukunft blicken, haben wir volles Vertrauen in unseren Weg. Das Ziel der grossen Wiederbelebung der chinesischen Nation kommt immer näher. Wir sind auch zuversichtlich und fähig, den neuen Ruhm der tibetischen Kultur sowie der Kultur von China insgesamt aufbauen zu können.
Im zweiten Museumsgebäude gibt es am Schluss einen kleinen Beratungsraum, wo ein tibetischer Mediziner kostenlos beratet. Ich informierte mich über Psoriasis. Er kennt die Krankheit und empfahl mir drei verschiedene Arzneien. Einmal Tabletten, einmal eine Creme und spezielle Kräuter zum Einnehmen. Er teilte mir auch mit, dass ich Geduld haben müsse und dies über mehrere Monate einnehmen und auftragen müsse. Ich ging dann mit einer Apothekergehilfin in den Verkaufsbereich und sie zeigte mir all die verschiedenen Packungen und die Menge die dazu benötigen würde. Ich müsste einen weiteren Reisekoffer anschaffen, um das alles mitnehmen zu können. Ich verzichtete, sie waren leicht enttäuscht, hatten jedoch Verständnis. Ich habe das Gefühl, dass hier, wie übrigens in allen Apotheken in China, eine andere Kultur gepflegt wird als in Europa. Hier steht Umsatz an oberster Stelle. Maria leidet etwas an hohem Blutdruck. In Harbin liess sie ihn in einer Apotheke messen. Daraufhin wurde ihr ein Medikament empfohlen. Sie haben gerade eine Aktion und verkauften uns gleich fünf Dosen. Maria hat bis heute noch keine einzige Portion eingenommen.
Vor der Abreise besuchten wir noch den Tulou-Tempel. Leider konnte man den Felsenbereich nicht besuchen, da Arbeiten im Gang sind. In der Abendsonne konnten wir wunderschöne Bilder schiessen. Ein besonderer Abschied von Xining, eine Stadt mehr, die uns unvergessen bleibt.



































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