88 - Xiamen & das Chinesische Jahr zum Drachen

Wir haben am 6. Februar die Insel Hainan verlassen um in Shanghai das chinesische Neujahr zum Drachen mit Familienmitgliedern von Maria feiern zu können. In Haikou war es beinahe 30 Grad, in Shanghai angekommen wesentlich unter 10 Grad. Das war eine etwas unangenehme Umstellung. Wir übernachteten zwei Nächte wie auch schon einmal in der "Lager-Wohnung" von Lei-Lei. Anschliessend sind wir zu seinem Vater, unserem Schwager, in einen Wohnort, ca. 70 Kilometer weit entfernt, ausserhalb von Shanghai gefahren. Dort konnten wir in einem Reiheneinfamilienhaus vis-à-vis übernachten. Wir blieben gut 14 Tage, bevor wir wieder nach Shanghai zurück kehrten um am 24. Februar mit einem Flug Xiamen zu erreichen. 

Die erste reformierte Kirche in China. 

Die Wohnung war für uns sehr angenehm. Die Heizung funktionierte gut, Warmwasser hatten wir jedoch nur die ersten Tage. Dann ist wohl das Gas ausgegangen. Der Mietpreis während dieser Zeit war günstig, sodass wir keinen grossen Anspruch erhoben. Die Wohnungen sind schön, doch sie sehen mindestens 30 Jahre älter aus, als sie wirklich sind. Ich vermute, dass das eher die Regel ist. Die Aufteilung der Zimmer ist für unsere Begriffe eher unlogisch und vor allem, es hat in der Wohnung überall Absätze. Für ältere oder behinderte Menschen sehr ungeeignet. Die Pflege der Gärten lässt fast überall zu wünschen übrig. Wenn ich an die Hausgärten im Alten Land (Niedersachsen) denke, wo ein Garten gepflegter ist als der andere, spricht man hier eher über ungepflegte Unkrautflächen. Im Reihenhaus nebenan ist auf über der Hälfte der Fläche ein Kunstrasenteppich gelegt. Der hintere Bereich ist bestückt mit Hundekot des "Hausfreundes", der vordere Bereich wird als Spielplatz für das etwa sechs jährige Kind genutzt. Abfall und Spielsachen lagen um die Wette herum. Den Grünbereich um das Reiheneinfamilienhaus, welches wir nutzen durften, würde man eher "unaufgeräumter Braunbereich" nennen. Das Haus nebenan ist wohl seit längerer Zeit nicht mehr bewohnt. Es sieht einer Wildnis gleich. Das darauffolgende Eckhaus in der Folge war über die Feiertage belegt. 


Die bewachte Wohnsiedlung hat durchaus etwas Schönes. Es hat einige kleine Kanäle, welche vor den Hausreihen durchziehen. Ich habe es geschätzt, an sonnigen Tagen am Wasser an der Sonne zu lesen. Leider war das Wetter die meisten Tage eher regnerisch, windig und stark bewölkt. Die Tage, welche uns gegönnt waren haben wir umso mehr genossen. Nach meiner Schätzung steht mindestens ein Viertel der Liegenschaften leer. Bewohner dieser Siedlung sind auf ein Auto angewiesen. Der nächste Laden, um Lebensmittel und alles Notwendige einzukaufen ist gut drei Kilometer entfernt. Zum grossen See sind es etwa 500 Meter. Eine schöne Uferlandschaft, wo sich an Sonnentagen viele Menschen aufhalten, wird intensiv genutzt. Es ist schlechthin die Erholungsregion für die Menschen aus Shanghai. Sie zelten über das Wochenende oder auch länger. Sie spielen mit ihren Kindern und lassen Drachen fliegen. Eine eindrückliche und schöne Stimmung.

Kamelien blühen überall - eine edle Blume. 

Unweit der Siedlung ist ein verlassener Weiler. Nur vereinzelte Häuser sind bewohnt. Die Menschen, welche dort wohnten wurden umgesiedelt. Dem politischen System passte das wohl nicht mehr. Das geht in China einfach so. Die genauen Gründe konnte ich nicht herausfinden. Anstatt die Häuser abzureissen werden sie einfach stehen gelassen. In einigen Jahrzehnten wird die Siedlung ein Ruinenfeld sein.

 



Eine weitere geschlossene Wohnsiedlung ist zwischen dem Geisterweiler und der Siedlung, in welcher wir Gastrecht hatten. Die Häuser und Gärten scheinen etwas gepflegter zu sein. Das ist aber nur der Eindruck vom Zaun her.

 

Wir besuchten das Laternenfest in Shanghai, wo wir im Anschluss auch in einem Restaurant gemeinsam gegessen haben. Anscheinend hatte es an diesem Abend weniger Besucher. Für mich immer noch viel zu viele. Es gab eine Passage, wo die Menschenherde von Beamten durch einen Weg geschleust wurde. Wenn man zu lange an einer Stelle stand um ein Foto zu schiessen ertönte eine Trillerpfeife mit dem Wink «weiter – weiter». Wenn man an einer Stelle stand und gerade abdrücken wollte kam sicher ein anderer Besucher und schubste einen weiter. Das Foto gelang dann halt nicht so wie gewünscht. Mir war es nicht wohl dabei. Es ist Liebhabersache, etwas kitschig und hatte für mich viel zu viele Laternen. 

Das Jahr des Drachen wird eingeläutet. 

Die Familienfeier zum Jahr des Drachen. Yan ist mit Syltya und Elany aus der Schweiz gekommen und hat ihrem Vater und ihrer Schwester und ihrem Bruder mit Familie eine riesige Freude bereitet. 


In der Küche vorbereitet, aufgetischt und gefeiert. Ein Höhepunkt: der kulinarische Drachen. 


Wir haben Shanghai wieder verlassen und sind mit dem Flugzeug nach Xiamen geflogen. In Xiamen haben wir ein komfortables Hotel an guter Lage gefunden. Das Wetter war auch etwas angenehmer. Die Stadt beherbergt heute gut zwei Millionen Einwohner. Seit 1541 ist der Handelshafen wichtig für Europa. 1842, mit dem Nanjing-Vertrag und nach dem ersten Opiumkrieg, wurde der Hafen für Grossbritannien vertraglich nutzbar gemacht. Im 19. Jahrhundert galt er als Hauptexporthafen für Tee. Aufgrund des subtropischen Klimas ziehen hier in den Sommermonaten regelmässig starke Taifune durch. 2016 zog der Taifun "Meranti" durch die Küstenprovinz Fujian und hinterliess eine extreme Verwüstung auch auf der kleinen, berühmten Insel Gulangyu. 

Die ersten Franziskaner begannen im Jahr 1313 mit der Mission. Die im Jahr 1848 gebaute Kirche Xinjie ist die erste protestantische Kirche in China. Anfangs des 19. Jahrhundert stürzte das Dach ein. 1935 wurde der Wiederaufbau abgeschlossen. 

Links: Ref. Kirche in Xiamen. Rechts: Ehemaliger Einkaufstempel, der nun teils als Sporthalle genutzt wird. 

Gulangyu: Zheng Chenggong, bekannt unter dem Namen Koxinga war Armeeführer und Seeräuber während der Zeit zwischen der Ming und Qing-Dynastie. Er wollte die Ming-Dynastie wieder herstellen. Mit einer riesigen Armee zog er von der heutigen Kinmen Insel, welche zu Taiwan gehört, auf die Insel Formosa (Taiwan) und eroberte den niederländischen Teil der Insel. Mit dem niederländischen Gouverneur wurde ein Kapitulationsvertrag abgeschlossen. Damit wurde den Niederländern ein freier Abzug mit ihrem persönlichen Eigentum nach Batavia (heute Jakarta) gewährt. Die Kolonialherrschaft der Niederländer auf Taiwan endete nach 38 Jahren. Kurz vor dem Tod von Koxinga gründete er das Königreich Dongning. Eine gewaltige, 16 Meter hohe Granitstatue steht auf Gulangyu mit Blick Richtung Taiwan. Die Insel Gulangyu wurde aufgrund des Nanjing-Vertrags für ausländische Einwohner immer wichtiger. Im Jahr 1902 wurde eine Landordnung genehmigt. 16 Länder, darunter Grossbritannien, Frankreich, die Niederlande bis hin zu Amerika, hatten ein Konsulat auf der Insel. Die Briten hatten die Führung und engagierten Sikh-Polizisten aus Britisch-Indien für die Überwachung der Siedlungen. Kirchen, Konsulate, Schulen etc. wurden vor allem im viktorianischen Stil gebaut. Das sieht man heute noch sehr gut. Man fühlt sich eher in Europa als in China. Japan besetzte 1942 die Insel. Am Ende des zweiten Weltkriegs kam die Insel zurück an China. Heute ist Gulangyu Weltkulturerbe. Es ist ein Platz für den internationalen Austausch zwischen der chinesischen Kultur, der Kultur der Provinz Fujian mit ausländischen Kulturen. Es ist ein Zeugnis für die Modernisierung Chinas, welche auch durch die Migration von Chinesen ins Ausland und zurück beeinflusst wurde. 



Spannende Architektur aus aller Welt. Bild oben ganz links: Blick von der Insel auf Xiamen. 

Wir erfreuten an einer Wanderung auf dem Mount-Dadong-Trail. Leider war das Wetter nicht optimal. So konnten wir die zu Taiwan gehörenden zwei Inseln Kinmen im Dunst nur erahnen. Doch der angenehm ausgebaute Wanderweg begeisterte uns. 

Bild links: Bei gutem Wetter kann man die zu Taiwan gehörenden Kinmen-Inseln sehen. 

Am Schluss wurden wir mit einer prächtigen Blumenanlage belohnt. Tausende "Löiemüli" in verschiedenen Farben. 


Die Zhongshan-Strasse, eine wohl mehr als ein Kilometer lange Fussgängerzone, ist heute als Touristenattraktion gepflegt und eindrücklich. Im Vergleich zu Haikou werden die Gebäude etwas besser geschützt und gepflegt. Das Angebot ist lokal kulinarisch und es hat leider unendlich viele Souvenir-Läden, welche dieselbe Auswahl an Produkten anbieten. Das macht es ein bisschen eintönig. 


Wir wollten die für China bedeutende Universität in Xiamen, welche 1915 Tan Kah Kee gegründet hat, besuchen. Dafür muss man drei Tage vorher ein Ticket besorgen. Wir sind um das immense Uni-Gebäude gegangen und erhielten auch so einen Eindruck über die Anlage, welches über 30'000 Studenten und 3'000 wissenschaftliche Angestellte beherbergt. Gleich daneben befindet sich der Nanputuo Tempel am Südhang des Wulao-Feng-Bergs. Diesen konnten wir, als Rentner, unangemeldet und sogar kostenlos besuchen. 



Eine Freundin von Maria aus der Studienzeit in der Uni Harbin machte zur selben Zeit Ferien in Xiamen. Sie haben in einer kleinen Ferienwohnung im neuen Stadtteil von Xiamen, in Jimei, gewohnt. Wir haben uns zwei Mal getroffen und sie zeigten uns das neue Stadtquartier. Beim ersten Treffen besuchten wir die Bibliothek. Ein Gebäude mindestens so gross wie das Berntorschulhaus in Murten. In den kommunistisch regierten Ländern wird in solchen Fällen mit der grossen Kelle angerichtet. Wir zogen weiter zum Regierungsviertel des Stadtteils. Man hat schon fast den Eindruck, vor dem Schloss Versailles zu stehen. Weiter ging es auf einen Hügel, wo eine neue Pagode errichtet wurde. Dort ist ein Museum integriert. Xi ist in allen Gebäuden omnipräsent. Wir flanierten dann weiter durch den neu errichteten Stadtteil. Es ist leer und unbelebt. Die Wohnungen sind wohl gut belegt, doch Geschäfte hat es kaum. Ein Warenhaus, welches wohl ein bis zwei Jahre überlebt hatte steht leer. Die "Avenue" ist mit einem Glockenturm schön gestaltet, doch sieht man kaum Verkehr. Das Leben ist und bleibt wohl im Herzen der lebendigen Altstadt. 

Die riesengrosse Bibliothek und dem omnipräsenten Xi. ...und plötzlich sitzen sie wieder auf der Schulbank. 


Beim zweiten Treffen besuchten wir die Altstadt gleich daneben. Dort befindet sich eines der schönsten Schulgebäude in China. Es wurde im kolonialen Stil gemischt mit chinesischer Architektur gebaut. Es ist wirklich ein Prachtsgebäude. Gleich daneben ist das Wohnhaus des Grossindustriellen Tan Kah Kee (Chen Jiageng), welcher als junger Mann nach Singapur auswanderte. Als überzeugter Patriot gründete er 1913 hier in Jimei die erste von vielen Schulen in China. Er finanzierte auch die Gründung der Xiamen-Universität. Er förderte insgesamt 110 Schulen in 20 Ländern Südostasiens. Seinen Reichtum erwirtschaftete er zuerst im Reishandel, welchen er von seinem Vater übernommen hatte. Anschliessend stellte er Ananas-Konserven her und betrieb Gummi-Plantagen. Er hatte bis zu 32'000 Mitarbeitende in seinen 150 Betrieben. Er galt als König der Gummiverarbeitung. Sein Wohnhaus hat er nordwärts erweitert und Räume angebaut, damit er Besucher seiner Familien und Freunden beherbergen kann. Er nannte diese "The Returning Hall". Es war ihm nicht vergönnt, den Bau zu erleben. Ein Jahr vor Fertigstellung ist Tan Kah Kee gestorben. Es ist heute eine eindrückliche Gedenkstädte, die besucht werden kann.  

Tatsächlich das zweitschönste Schulgebäude auf der Welt... gleich nach Murten. 

Am Ufer des Meeres wurde ein riesiges Museum gebaut, welches sein Leben und Wirken präsentieren. 

Links: Wohnhaus von Tan Kah Kee. Mitte & rechts: Keine zu jung, Museumsführerin zu sein. 




Im Hotel Sunshine in Xiamen lernten wir eine junge Familie kennen. Was wir mit ihnen erlebt haben... im nächsten Reisebericht. Ein ganz lieber Gruss in die Heimat. 


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