100 - Von Leshan ins Hengduan-Gebirge

Wir haben Songpan mit dem Hochgeschwindigkeitszug verlassen und sind in Chengdu angekommen. Hier machten wir einen kurzen Aufenthalt in «unserem» Hotel, Zimmer 701. Wir konnten den grossen Koffer deponieren um mit etwas weniger Gepäck die Reise ins tibetische Hochland zu unternehmen. Erste Station war Leshan mit dem Ziel, den riesigen Buddha von Leshan zu sehen.


Einmal mehr haben wir ein angenehmes Hotel gefunden, sodass wir einige Tage länger blieben als geplant. Um zum Riesenbuddha zu gelangen nahmen wir ein Taxi. Wir waren sehr überrascht, wir dachten, dass es da einfach einen grossen Buddha zu bestaunen gibt, doch weit gefehlt. Was wir hier sahen war schon fast unglaublich. Im Sandsteininnern gibt es Tunnels und Hallen, die mit Steinfiguren und Steinbildhauereien aus der Tang-Dynastie (617-907) voll gespickt ist. Lassen wir die Bilder sprechen.




Bilder links: Zwei reisengrosse Buddhas im Höhlensystem. 


 

Der heilige Berg Emei-Shan war ein weiteres Reiseziel von Leshan her. Wir erreichten Emei mit dem Zug. Das Wetter war leider sehr neblig, doch wir konnten einen Eindruck des Berges mitnehmen. Dieser Eindruck war eher enttäuschend. Mit der Gondel fährt man hoch auf den Berg. Da stehen einige eher ungepflegte Liegenschaften. Nach einer kleinen Wanderung neben unzähligen Verkaufsständen bis zum Gipfel blickte uns ein riesengrosser goldener Buddha entgegen. Daneben hat es auch einige Tempelanlagen. Das Ganze ist aus unserer Sicht eine reine Touristen-Abzocke. Historische Gebäude sucht man vergebens. Überall kann man beten und Geld deponieren oder «goldene» Souvenirs aus Plastik kaufen. Den Wegen entlang hat es viel Abfall und wenn man den Berg hinunter schaut wird es einem fast schlecht vom Anblick all des Abfalls der im Gebüsch hängt. Wir könnten uns vorstellen, dass bei schönem Wetter die Aussicht in die Ferne wunderschön ist. Doch das war uns leider vergönnt. Hier leben auch wilde Tibet-Affen in den Wäldern. Wir hatten das Glück zwei Affen zu sehen, doch sie waren etwas in Deckung. Wir konnten gut erkennen, dass es Affen waren 😊. 


Wir besuchten den Qingcheng-Tempelberg (von Chengdu her), wo Laozi den Daoismus ins Leben gerufen hat. 


In Leshan besuchten wir die historische Altstadt "Luocheng". Hier wurde das berühmte lokale Gericht "Qiaojiao Beef Soup" erfunden. Ein alter Arzt kreierte diese Suppe als es sah, dass die Armen kein Fleisch zum Essen kaufen konnten. Es wurden quasi alle möglichen Teile des Rindes in einer Suppe gekocht und es galt sogar als medizinisches Gericht. Für die Armen war es kostenlos. Da der Platz in den Restaurants eng war hat man diese Suppe stehend gegessen. Ein Bein stellte man auf einen Tischbeinbalken. Wir haben es probiert und genossen. Heute werden in dieser Suppe nicht mehr ganz alle Organe des Rindes wie früher verarbeitet. Wir gingen durch die Altstadt und kamen mit einem pensionierten Lehrer ins Gespräch. In seinem Laden hat er alle möglichen Flächen mit eigenen Gedichten beschrieben. 



Nicht allzuweit von Leshan entfernt ist der Jiayang Nationalpark, wo einst Kohleminen bewirtschaftet wurden. Mit dem Dampfzug kann man noch "touristisch" durch das Tal reisen. Eine eindrückliche Fahrt durch eine ebenso eindrückliche Landschaft. 

Ich erinnere mich noch an die MOB, da gab es während meiner Kindheit noch die Holzklasse. 

Wir verliessen Leshan mit dem Zug und trafen in Ya’an ein. Wir fanden ein Hotel mitten auf der historischen Brücke. Ein herrliches Zimmer, gross, ein kleiner Balkon mit Blick über den Qingyi-Fluss. Wir waren begeistert. Wir schliefen gut, doch um 06°° Uhr war ein Geläuf und Geschrei im Hotel. Wir vermuteten, dass eine Reisegruppe auf einen Nachzügler wartete. Als das nicht aufhörte ging ich an die Türe, öffnete und machte meine Bemerkungen auf Schweizerdeutsch. Erschrockene Gesichter schauten mich an und es wurde ruhig. Eine Stunde später begann der «Zirkus» von vorne. Dieses Mal gingen Maria und ich an die Türe. Maria wurde dann aufgeklärt, dass das Hotel wegen Hochwasser evakuiert werden müsse. Wir packten unsere sieben Sachen und verliessen das Hotel. Wir wurden ins nahe gelegene Hotel Ibis geleitet. Dort warteten wir bis Mittag und es geschah nichts. Maria sprach mit den Hotelangestellten des Hotel Ibis, liess sich ein Zimmer zeigen und wir buchten für die darauffolgenden Nächte ein Zimmer in diesem Hotel. Ein kleiner Trost, wir hatten auch ein Zimmer mit Blick auf den Fluss, doch ohne Balkon.

Der Wasseranstieg ist doch beachtlich. 

Von Ya’an her besuchten wir die historische Stadt Shangli. Bei der Ankunft sahen wir hunderte Staffeleien. Junge Menschen sassen dahinter und versuchten sich in der Malerei. Die Stadt ist gut erhalten und gilt als ein Touristenmagnet. Schöne Bilder konnten wir dank gutem Wetter schiessen. Mitten in der Stadt ist ein Museum, ein ehemaliger Wohnpalast einer gut betuchten Familie. Der Eintrittspreis – dieses Mal nicht kostenlos für Pensionierte – war bescheidene 10 CNY. Maria wollte sich das sparen, doch ich fand: «wir gehen». Wir hätten uns das sparen können. Zwei drei Gebäude waren einigermassen in Ordnung. Der Rest ist mit Abfall und Bauschutt überflutet. Im hinteren Bereich scheint es sogar ein Home-Inn zu haben. Einige Hausteile sind bewohnt, darum herum und drinnen ist es eher abstossend. Nicht unbedingt eine Visitenkarte für einen touristischen Ort wie diesen. Um auch einmal solch ein Bild zu erhalten haben sich die 20 CNY doch gelohnt.

 


Einen zweiten Ausflug machten wir ins Bifeng-Tal (Bifenxia). Dort besuchten wir, da im Ticket inbegriffen (als Pensionierte war der Eintritt kostenlos, doch für die Busfahrt mussten wir einen bescheidenen Betrag bezahlen), die Panda-Gehege. Wir hatten Glück, einige Pandas waren im Freien und spielten sogar zusammen. Anschliessend nahmen wir die Wanderung durch die Schlucht in Angriff. Ich stellte mir zwischendurch vor, dass wir die Areuse-Schlucht durchwanderten. Wechselhafte Natur, Wasserfälle inmitten einer eindrücklichen Felsenwelt.  

 

Wenn man durch die Schlucht wandert kann man etwas ganz Besonderes sehen. Die Vorfahren des Qiang-Volkes waren Nachkommen von Kaiser Yu. Dieser brachte Menschen dazu, besondere Leistungen zu erbringen. Wenn eine Qiang-Person gestorben war wurde ihr Körper in einem Sarg an die Felswand gehängt. Damit erbten sie die göttliche Macht des Kaisers Yu. Mit dieser Kraft gelingt es, wie ein Gott und ein Geist im Himmel auf und ab zu gehen. Es soll damit die Verehrung der göttlichen Macht deutlich machen. In einigen Nischen kann man sogar noch Särge sehen.

 Bild links: Man kann zwei hängende Särge sehen. Bild rechts: Wir waren dankbar, dass wir die letzten Höhenmeter der ausgiebigen Wanderung angenehm mit einem Lift "erklimmen" konnten. 

Nach diesen Ausflügen reisten wir weiter nach Luding, wo man über die berühmte und wohl einmalige Kettenbrücke über den Dadu-Fluss gehen kann. Diese Brücke, im Jahr 1706 gebaut, ist 100 Meter lang und besteht aus 13 Eisenketten, welche in massiven Steinpfeilern verankert sind. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Brücke renoviert und etwas verstärkt. Im Mai 1935 konnten die Soldaten der Volksbefreiungsarmee während dem legendären «Langen Marsch» den Kuomintang-Truppen  über diese Brücke entkommen. Wir logierten in einem Hotel mit Blick auf die Brücke. Die Stadt hat ansonsten nichts Besonderes zu bieten. Sie ist aus unserer Sicht etwas rückständig, wenn man durch den Markt oder auf einer kleinen Passage dem Fluss entlang geht, wo die Einheimischen wie verrückt und angespannt Mahjong spielen. Es geht dabei auch um Geld-Einsatz. 


Gleich neben dem Hotel, in welchem wir logierten, ist ein grosser Platz der für eine Aufführung vorbereitet war. Abends hörten wir Stimmen und Musik und wir schauten nach, was aufgeführt wurde. Das Thema war "Mandarin", die Standardsprache in China. Wie auch schon berichtet, Kinder lernen in den meisten Schulen nur noch Mandarin. Lokale Sprachen und Dialekte werden über die Jahre aussterben und vielleicht noch in Museen thematisiert. Das ist die chinesische Art des Minderheiten-Schutzes. 

Bild links: Schülerinnen und Schüler lernen Mandarin! Bilder rechts: Blick vom Hotelzimmer mit Abendstimmung.

Wir reisten weiter nach Moxi, wo sich gemäss Tourismusinformationen auch eine historische Altstadt befindet. Anfangs September 2022 hat hier ein Erdbeben mit der Stärke 6.8 gewütet. Man sieht immer noch Schäden aus dieser Zeit. Die Altstadt wird wie besessen neu aufgebaut. Es sieht aus wie alt, aber rein nichts ist alt. Nur noch einzelne Häuser stehen aus der Vergangenheit. Neue riesige Hotels werden aus dem Boden gestampft und ein neues, modernes (wie ich immer wieder schreibe) grössenwahnsinniges Museum steht mitten in der Stadt. Die Ausstellung ist gut gemacht, doch ist hier wohl kein Besucherandrang festzustellen. Bestimmt kommen ab und zu Schulklassen vorbei um den winkenden und lächelnden Chef zu sehen und das Büro, welches Mao am 29. Mai 1935 nutzte, um einen Plan mit seinen anderen Führern für den bevorstehenden Vormarsch seiner Armee zu konkretisieren. Also bekannt als «Moxi-Treffen». Mao übernachtete im Pfarrhaus und seine Führer in der Kirche. Übrigens, die Kirche wurde vom Erdbeben nicht zerstört und ist noch heute in tadellosem, historischem Zustand.

 Bild links: Die von Mao missbrauchte Kirche blieb unbeschädigt. Bilder rechts: Das grosszügige Museum. 

Alltag in der Region  bis hin zur Hundehaltung.

Wir machten einen Ausflug zum Hailuogou-Gletscher- und Waldpark. Von hier aus sollte man, nebst einem Gletscher, auch den heiligen Gongga-Berg (7556 m. hoch im Südosten des Tibetischen Hochlands) sehen können. Nun, touristisch ist China schon kein «Hirsch». Vor allem Sehenswürdigkeiten, die sich in abgelegenen Regionen befinden. Von Moxi fuhren wir mit dem Bus zum Tourist-Office. Dort kauften wir unsere Tickets für den Bus zum Gletscher. Es hat bei der Bus-Endstation eine Gondel, die ins Herz des Gongga führt. Von hier aus könnte man den heiligen Berg bewundern. Die Gondel ist anscheinend seit dem Erdbeben nicht mehr in Betrieb. Darüber wird man kaum informiert. Wir konnten die Gletscherzunge sehen und wurden von einer sympathischen «Freiwilligen» Dame über den Gletscher und die aktuelle Lage informiert. Sie ist im Studium und verdient während dieser Zeit CNY 2'000 nebst Verpflegung. Da war noch ein leicht behinderter Mann, der verdient anscheinend CHY 1'000. Er mochte die Dame, doch für sie war es eher unangenehm. Er folgte ihr immer wieder. 

Bild links: Hinter unseren Köpfen die Gletscherzunge. 

Sehr schade, dass wir den Berg nicht bewundern konnten. Wir wollten eine zusätzliche Schlaufe wandern, doch alle Wege, bis auf den Waldpfad hinunter, sind gesperrt. Dieser Waldpfad war so eindrücklich, dass wir mit dem Tag trotzdem zufrieden waren. Den Gongga-Berg hätten wir von der anderen Seite her noch besuchen können. Doch dazu hätten wir eine Fahrt von gut 200 Kilometer (Reisedauer in den Bergen von vier/fünf Stunden) unternehmen müssen. Dazu hatten wir keine Lust mehr. Wir hatten noch ein Ziel vor uns, ein anderer heiliger Berg, den Yala-Berg. Hoffen wir, dass wir dieses Ziel nach Wunsch erreichen können.

Wenn man den geschützten Waldpfad verlässt sieht man erste Anzeichen der tibetischen Kultur. 

Wir haben Moxi verlassen und sind nach Kangding weitergereist. Übrigens, wir haben eine Busfahrt direkt nach Kangding bestellt und man teilte uns mit, dass uns der Fahrer beim Home-Inn abholen werde. Wir mussten um 07:30 vor dem Hotel bereit sein. Wir warteten mit unserem Gepäck geduldig bis 8 Uhr. Dann rief der Rezeptionist beim Busunternehmen an. Der Fahrer hat uns vergessen… doch wir hatten Glück. Ein anderer Bus ist über Luding gefahren. Er kam zum Home-Inn und holte uns ab. Die Fahrt, halt mit umsteigen, war dann angenehm. Hauptsache, wir kamen weiter.


Ein Herz-Gruss in die Heimat 💘.


Kommentare

  1. Liebe beide
    wiederum ein sehr interessanter, ausführlicher Bericht. Toll was ihr alles erlebt.
    Bei uns hat es zu schneien begonnen und bis morgen früh sollen es angeblich 10 cm oder mehr sein. Der Winter hat also Einzug gehalten.
    Herzlich
    Roli

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