101 - Von Kangding her durch das tibetische Hochland der Provinz Sichuan
Kangding, auf beinahe 2'600 m.ü.M. gilt als romantische Stadt und bezeichnet sich auch als Tor zum Tibet. Die Stadt liegt an der legendären Strasse 318, die in Shanghai beginnt und nach gut 2'500 Km in Lhasa endet. Sie ist das Pendant zur Route 66 in Amerika. Das tibetische Hochgebirge ist aufgrund der geologischen Lage nicht so gut erschlossen. In vielen Orten gibt es Busse und die fahren grundsätzlich, wenn sie voll belegt sind. Auf den Karten figuriert Garzé als Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks. Nach langer Suche findet man eine historische Altstadt namens Garzé, welche jedoch über 200 km von Kangding entfernt ist. Auf den Karten liest man aber überall Garzé gleich neben Kangding. Das macht die Sucherei bestimmt auch für chinesische Touristen manchmal ausserordentlich schwierig. Kangding, und nicht die historische Stadt Garzé, beherbergt alle Verwaltungsbereiche der KP.
Aufgrund dieser Unsicherheiten wussten wir nicht, wo wir ein Hotel buchen konnten. Also fuhren wir einmal bis zur Bus-Endstation von Kangding, stiegen aus und schauten uns nach Hotels um. In unmittelbarer Nähe fanden wir kein Hotel, also hielten wir ein Taxi an und baten den Fahrer, uns zu einem bestimmten Home-Inn zu fahren, das wir im Internet gefunden haben. Der Fahrer sagte uns, dass er uns nicht vor dieses Hotel fahren könne, da dies an einem steilen Berghang sei. Wir baten ihn schlussendlich, uns einfach ins Zentrum der Stadt zu fahren. Nach einer kurzen Fahrt liess er uns mitten in der Stadt aussteigen. Wir setzten uns auf eine Bank und schauten bei Trip.com nach, wo ein Hotel ist, welches auch unserem Budget entsprach. Gleich nebenan war ein grosses Hotel, leicht über unserem Budget, doch wir hatten keine Lust, noch lange zu suchen. Wir gingen an die Rezeption und buchten ein Zimmer. Maria hat in der Zwischenzeit herausgefunden, wie man gute Preise erhalten kann. Es war ein Glückstreffer, ein gehobenes Hotel mit allem Komfort inkl. einem feinen Frühstück, wenn auch ein bisschen teurer. Schlussendlich logierten wir einmal mehr einige Tage länger als geplant.
In Kangding selber
sieht und spürt man den tibetischen Einfluss. Die Häuser sind typisch für die
Region und die Speisekarten in den Restaurants listen viele typisch tibetische
Gerichte auf. Von unserem Zimmer her konnten wir direkt auf den Zentralplatz
sehen. Tagsüber ist der Platz sehr belebt und abends wird dort getanzt. Auf einer
Seite ist ein riesiger Bildschirm, wo den ganzen Tag durch Filme aus der
Region, Werbefilme für Alkohol, über chinesische Medizin, Interviews, zu Sportanlässen
bis hin zu Kriegsfilmen gezeigt werden. Das mit den Kriegsfilmen schockiert
mich persönlich schon etwas. Auf dem Platz spielen Kleinkinder und Jugendliche,
die Kriegsszenen mit Angriffen, Verletztentransporten, Verteidigung und
Zerstörung mitansehen können. In Europa macht man alles, um die Jugend zu
schützen, hier wird die Jugend auf «was ist böse und was ist gut» getrimmt. Natürlich
sind hier im besonderen Fall immer die Japaner die bösen.
In Kangding bestellten wir
ein Taxi, welches uns zum Mugecuo Love-Song-Nationalpark fuhr. Der
Taxifahrer war sehr gesprächig und angenehm. Es gab eine interessante Unterhaltung. Es
begann schon, als wir die Stadtgrenze verliessen. Da bat er uns, dass wir uns
im Auto anschnallen sollen. Das erlebten wir hier in China das erste Mal. Er
werde überwacht und würde bestraft, wenn sie sehen, dass seine Gäste ausserhalb
der Stadt nicht angeschnallt seien. In den Taxis ist es in China üblich, dass
gleich mehrere kleine Überwachungskameras montiert sind. Wir profitierten, mit
dem Fahrer über das Leben der Menschen in der Region sprechen zu können. Er
erklärte uns, dass die Schulen in Mandarin geführt werden. Die lokale Sprache
wird weder gepflegt, gefördert noch gelernt. Die, welche die Sprache können
sprechen noch unter sich, je jünger die Menschen, umso seltener kann die lokale
Sprache noch praktiziert werden. Beim Nationalpark angekommen genossen wir die
Natur auf über 3'000 m.ü.M. und wanderten über Stock und Stein. Auf der Höhe
nahmen wir ein Boot und fuhren über den «Love-Song»-See hin und zurück. Die
Alpenflora auf knapp 3'800 Meter hat mich besonders begeistert, nicht nur wegen des Enzians.
Dieser See hat in China eine besondere Bedeutung. Ein in ganz China, ja weltweit bekanntes Liebeslied, ist hier geboren. Der Musikschüler Wu Wenji hat das Lied entdeckt und künstlerisch vervollständigt. Er gab sein Werk seinem Lehrer Jiang Dingxian und bat ihn, dazu eine Klavierbegleitung zu komponieren. Dieser hatte kein Klavier, konnte jedoch eine Orgel nutzen, zu welcher er Zugang hatte. Das Liebeslied zählt seit 1990 zu den einflussreichsten Volksliedern der Welt (UNESCO). Eine Liebesmelodie, die tatsächlich in die Herzen dringt. Der Text und die Melodie sind inspiriert vom täglichen Leben im tibetischen Hochland. Hoch auf dem Berg beim See schwebt eine Wolke in Silber-Mondschein. Das Mondlicht leuchtet über die Stadt Kangding. Li, die Tochter eines Holzfällers und der älteste Sohn des Schmieds tanzen eine Balz im Mondlicht. Es spiegelt die Freiheit der Ehe und Liebe der Kangba-Minderheit dar.
Wir besuchten weiter die beiden historischen Klosteranlagen in Kangding, welche noch intensiv bewohnt sind. Der Nanwu Tempel, auch Lhamotse Gaden Drophenling Monastery genannt. Während der Kulturrevolution wurde das Kloster komplett zerstört. 1984 wurde es wieder aufgebaut und im Jahr 1986 vom 10. Panchen Lama gesegnet.
Etwa 150 Meter weiter unten
ist das Jingang Kloster. Ebenso eindrücklich, wenn auch etwas kleiner.
Kanding
liegt in einem engen Tal, die Berge erheben sich steil auf beiden Seiten. Es
hat Wanderwege auf beiden Seiten. Auf der Südseite gibt es sogar eine Gondel,
die jedoch nicht in Betrieb war. So machten wir eine Wanderung auf der anderen
Seite und konnten auf die Stadt hinuntersehen.


Bild Mitte: Hier sind Frauen am Werk. Bild Rechts: Eine Hutte Sand muss hochgetragen werden.
Wir verliessen Kanding und fuhren mit einem Bus über den Zheduo-Pass (4'298 m.ü.M). Eine angenehme Busfahrt, auch wenn es ab Kangding regnete und starken Nebel hatte. Nach der Passhöhe lichteten sich die Wolken und wir hatten eine eindrückliche Weitsicht über das Grasland und Gebirge.
Wir trafen in Tagong ein und bezogen ein Zimmer in einem angenehmen Hotel. Der Regen holte uns wieder ein, doch wir trotzten dem Wetter und spazierten mit einem grossen Regenschirm in der Hand auf den Aussichtshügel gleich neben dem Hotel. Abends genossen wir ein tibetisches Menu im Restaurant gleich daneben. Der Chef bat mich, ein Foto mit ihm zusammen machen zu dürfen. Es gab ein herzliches Gespräch und nach der Bezahlung der Rechnung schenkte er uns beiden je einen kleinen Anhänger, die von einem Mönch gesegnet seien.
Am anderen Tag hatten wir Wetterglück. Die Wolken lichteten sich. Wir gingen noch einmal auf die Aussichtsplattform und genossen die Panoramasicht über das Grasland und den 5'820 Meter hohen und heiligen Yalaberg.
Wir verliessen das angenehme Hotel Prairie Mandala und machten während der Fahrt nach Bamei einen Halt beim Moshi Park, dem Bamei Steinwald. Die anthrazitfarbenen Felsen, welche aus dem Graslandboden ragen sind eindrücklich. Aus dem hügeligen, wellenartigen Grasland erhebt sich eine Gruppe von «Felszähnen» aus dem Boden. Diese Karstlandschaft zieht sich nicht über ein grosses Gebiet, umso spannender ist es, dies zu bestaunen. Im gleichen Gelände leben viele Himalaya-Murmeltiere. Diese sind sich an Touristen gewohnt, lassen sich gerne fotografieren und füttern. Zweites ist wohl lustig, doch es wäre besser man würde es bleiben lassen.
Das Dorf Bamei ist mit Tagong vergleichbar, doch schien es uns nicht so gepflegt. Auch hier hat es eine riesige Klosteranlage. Was eindrücklich ist, ist der extrem lange Gebetsmühlenweg und die nicht zu übersehende Stelengruppe.
Für die Weiterfahrt nach Danba, wo wir das tibetische Dorf Jiaju besuchen wollten, bestellten wir ein Taxi. Zum Hotel kam ein Taxi mit einem buddhistischen Mönch, einem Lama am Steuer. Er fuhr uns zuerst zum Yala-Nationalpark. Wir besuchten den Park mit einer eindrücklichen und spannenden Wanderung auf 4'020 m.ü.M. zum Fuss des Yala-Bergs. Für Maria wäre die Wanderung etwas zu anspruchsvoll gewesen. Zum Glück gab es Angebote, um auf einem Maulesel hochzureiten. Maria war zuerst nicht so begeistert, hat sie doch ziemlich Respekt von der Höhe des «Sitzes» und des Tieres. Doch nach den ersten Bewegungen des Maulesels (oder Pferd) fühlte sie sich wohl und kam glücklich beim See unterhalb des Yala-Gipfels an. In den Bergen fühle ich mich zuhause und wohl. Ich genoss die Wanderung in meinem Tempo und schoss unermüdlich ein Foto nach dem anderen.
Am Fuss des Yala-Bergs beim "Seebergsee". Die Bergsspitze versteckt sich noch unter den Wolken.
Zurück beim Parkplatz empfing
uns der Lama und fuhr uns weiter nach Danba. Während der Fahrt erzählte er uns,
wie er Mönch wurde. Er hat drei Geschwister. Seine Eltern haben ihm den
Vorschlag gemacht, ins Kloster zu gehen. Er musste sein Einverständnis geben,
was er tat. In der Folge ist er mit etwa 14 Jahren ins Kloster eingetreten.
Mittlerweile ist er zum Lama aufgestiegen. Ein Lama ist ein erfahrener und
weiser Lehrer im tibetischen Buddhismus.
Danba ist eine grössere Stadt
mit vielen Wolkenkratzern in einer engen Talgabelung. Es war schon abends und
die Adresse unserer Unterkunft war für ihn kompliziert zu finden. In
Anbetracht, dass er noch eine Fahrt von über einer Stunde hatte um nach Hause
zu kommen, bezahlten wir ihm seinen guten Service und verabschiedeten uns. Auch
für uns war es nicht einfach, den Ort zu finden. In den meisten Karten steht
für Danba «Rongzhag». Wir überlegten kurz, ob wir in Danba übernachten wollen
oder doch noch in das Dorf Jiaju weiter fahren wollen. Wir entschieden uns auf die Weiterfahrt
zu einem Home-Inn, das wir auf Trip.com gefunden haben. Die Fahrt mit dem Taxi,
die steile Strasse hoch ins Gebirge, dauerte noch einmal eine knappe halbe
Stunde. Glücklich kamen wir im tibetischen Hochland, im Dorf Jiaju an
und fragten nach, ob noch ein Zimmer frei sei. Wir belegten für zwei Nächte ein
sehr einfaches Zimmer mit einem Blick auf die Bergkuppen im Hochgebirge.


Bild links: Die Rezeption im Home-Inn. Bild rechts: Das historische, 200 Jahre alte Haus, das Home-Inn


Das Wetter war uns nicht hold
gesinnt, doch wir sahen es positiv, es hätte schlimmer sein können 😊. Die kleinen Haussiedlungen
auf der Höhe mit den besonderen Dachformen sind faszinierend. Es sieht aus, als
hätte jedes Haus eine Krone. Die vier Ecken beziehen sich auf vier heilige
Berge in der Region und sollen die Häuser beschützen. Einmal im Jahr werden die
Ecksteine zur Verehrung des Himmelgottes frisch gestrichen. Er möge das Haus
vor bösen Geistern und Übel beschützen. Zwei der heiligen Berge haben wir
besucht, den Yala und der Gonggaberg (hier leider nur die Gletscherzunge). Man
sieht überall Türme in der Landschaft oder angrenzend an Häuser, wie bei
unserer Unterkunft. Sie sind teils gegen 800 Jahre alt. Diese Türme wohlhabender Familien haben mehrere
Nutzen. Zu dieser Zeit gab es viele Banditen in der Region. Einerseits dienten
die Türme um wertvolle Güter und Lebensmittel zu lagern und zu verstecken. Andererseits konnte
man bei einem Angriff von Banditen im Turm Schutz finden.
Das tibetische Hochland hat uns begeistert. Das Leben auf solcher Höhe ist eindrücklich. Wir reisten mit unvergesslichen Erinnerungen in einem Bus zurück nach Chengdu.
Ein herzlicher Jodel vom tibetischen Hochgebirge in die Alpen der Heimat.








































































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