102 - Dazu Grotten und die Flussfahrt auf dem Yangtse

Nach der Reise durch das tibetische Hochland kamen wir wieder in Chengdu an. Im Hotel ANYEE Garden, wo wir schon zwei Mal logierten und unseren grossen Koffer deponierten, übernachteten wir noch einmal. Kurz darauf fuhren wir im Schnellzug mit teils 347 «Sachen» nach Dazu, wo wir die berühmten Steinskulpturen besuchten. 


Die Grotten von Dazu werden auch als „Heimat der Steinbildhauerei“ bezeichnet. An mehr als 40 Stellen gibt es über 50‘000 Steinskulpturen in dieser Region. Die zwei bekanntesten Orte sind am Beishan (Nordberg) und am Baodingshan (Schatzkammerberg), wo die Kunstwerke besichtigt werden können. Vom Hotel Lavande her gelangten wir mit dem Taxi in wenigen Minuten zu den beiden Parks.  



In Beishan wurden ab dem Jahr 892 die ersten Skulpturen kreiert. Das gesamte Projekt dauerte 250 Jahre, während der Tang-Dynastie bis hin zur Süd-Song-Dynastie. 

 


Die Steinskulpturen in Baodingshan wurden in den Jahren 1174 bis 1252 vom Mönch Zhao Zhifeng entworfen und organisiert. Sie wurden in einer Schlucht entlang den Sandsteinwänden erstellt. 

 

Bild rechts: Das Rad der Reinkarnation. 



Zu Beginn der Besichtigung der kleinen Schlucht Baodingshan ist ein kolossales Museum. Die Ausstellung beginnt mit dem Buddhismus in Indien und führt bis ins heutige China. In China können oft solche Prestigebauten nicht gross genug sein. Schon eindrücklich, doch manchmal denke ich es ist ein „Verhältnisblödsinn“. Die Ausnutzung der Flächen ist nicht immer optimal und der Unterhalt lässt oft zu wünschen übrig. Vom Museum zu den Steinskulpturen ist ein langer Weg mit vielen Fahnen geschmückt. 

Beim Ausgang des Steinskulpturen-Parks stehen, wie üblich bei allen Parks dieser Art, viele Verkäufer, wo man Souvenirs, Speisen und allerlei Anderes kaufen kann. Da stand ein älterer Mann mit runzeligen Orangen. Er sprach uns auch an, wir gingen weiter. Maria fand, dass man diesen alten Mann auch etwas unterstützen könnte indem wir ihm einige Orangen abkaufen. Wir kehrten um und Maria dachte, dass wir ihm für fünf Yuan Orangen kaufen. Sie wählte zwei Orangen aus und er legte sie auf seine Waage. Er sagte: «10 Yuan». Maria ist schon etwas erschrocken und ich lachte dazu, nahm mein Portemonnaie und gab dem Mann einen 10-Yuan-Schein. Wir gingen weiter. Nach gut 100 Meter stand ein anderer älterer Mann da. Maria hatte Lust, auch bei ihm einige dieser kleinen Orangen zu kaufen. Sie wählte acht kleine Orangen aus. Auch dieser Mann legte die Früchte auf seine Waage. Er lachte und legte noch eine dazu. Sein Preis dafür waren vier Yuan. Ich sagte Maria: «dem geben wir auch 10 Yuan. Der erste Mann hat uns übers Ohr gehauen, dieser war ehrlich. Er hat denselben Preis verdient». Als ich ihm den 10-Yuan-Schein in die Hand drückte lachte er spitzbübisch und dankte herzlich. 




In Dazu logierten wir einige zusätzliche Tage, da uns das Hotel und die Umgebung passte. Vis-à-vis vom Hotel war am Vormittag jeweils ein offener Markt. Anschliessend verliessen wir Dazu und reisten nach Chongqing weiter. 

Bild rechts aussen: Auf dem Käfig bratfertige Tauben, im Käfig "fangfrische" Tauben. 

Einige Nachtaufnahmen im Zentrum. 


In Chongqing angekommen besuchten wir noch das "Drei-Schluchten-Museum" und die grosse Halle des Volkes der Stadt die einander gegenüberstehen. Der städtische Volkskongress ist die lokale Legislative der Stadt. 

Bild links: Das Drei-Schluchten-Museum. Bild rechts: Die grosse Halle des Volkes.

In Chongqing logierten wir nur kurz, denn wir hatten die Absicht, eine Fahrt auf dem Yangtze-River zu buchen. Eigentlich machten wir es richtig. Wir besuchten drei verschiedene Reisebüros und fragten auch bei der Hotelrezeption nach einem Angebot einer Agentur. Die Preise für eine Fahrt auf dem Yangtse für drei Nächte lagen zwischen 4'800 und etwas über 6'000 CNY. In verschiedenen Berichten las ich immer wieder, dass für eine Flussfahrt auf dem Yangtse mit drei bis vierhundert Franken pro Person gerechnet werden muss, um auch eine anständige Unterkunft zu erhalten. Wir buchten schlussendlich auf der zweiten Etage bei einer Agentur für 5'500 CNY, fast alles inklusive (für zwei Personen ca. 700 CHF). Wir wollten nicht einfach das billigste Angebot. Vor dem Einstieg auf das Boot musste man eine lange Treppe hinab. Viele Männer standen bereit, um die Koffer auf das Schiff zu tragen. Wir wurden informiert, dass mit Kosten von 10 CNY pro Koffer zu rechnen sei und man möge doch diese tragen lassen, da diese Männer auf ein Einkommen angewiesen seien. Die Männer vor dem Steg rissen sich um die Arbeit. Wir wollten dem ersten Mann den Auftrag geben, doch dann gab es einen Streit unter den Männern. Vermutlich war eben ein anderer an der Reihe. Der Mann der zum Zug kam sagte uns, dass es 40 CNY koste. Wir nickten, er packte die Koffer und trug sie auf das Schiff. Maria und ich fanden, dass wir ihm 20 CNY mehr geben könnten, also 60 CNY. Der Mann bringt seine Erfahrung ins Spiel und sagte uns, dass er mit 60 CNY nicht zufrieden sei und noch zusätzlich 20 CNY Trinkgeld erwarte. Was taten wir, diskutieren oder geben? Wir gaben.

Der Jangtse ist mit über 6'300 km der längste Fluss in Asien und der drittlängste der Welt. Er entspringt im tibetischen Hochland und fliesst durch viele Grossstädte wie Chongqing, Wuhan, Nanjing bis Shanghai, wo er schlussendlich in das ostchinesische Meer mündet. Er ist fast zur Hälfte schiffbar. 

Auf dem Schiff wurden wir professionell und freundlich empfangen. Als sie wohl sahen, wieviel wir für das Zimmer auf der zweiten Etage bezahlten, hatten sie bestimmt etwas Mitleid mit uns. Zu unserem Glück war das Schiff nicht ausgebucht. Sie gaben uns ein Zimmer im obersten Stock mit zwei Balkons. Ein grosszügiges und herrliches Zimmer. Wir schätzten das sehr und genossen es entsprechend. 


Abends um 20Uhr ging die Fahrt los. Wir verliessen das nächtliche, bunt beleuchtete Chongqing. Kurz darauf wurde ein vielseitiges Abendbuffet serviert. Am Morgen gab es ein reichhaltiges Frühstück. Am Buffet war es meistens angenehm. Ich klopfte nur zwei Mal anderen Reisenden auf die Finger um ihnen zu deuten, dass sie noch nicht an der Reihe seien.

 

Beim ersten Halt besuchten wir die Geisterstadt Fengdu. Die alte Stadt Fengdu wurde im Jahr 2009 überflutet und ist nun mehr als 35 Meter unter der Wasseroberfläche. Die etwa 100'000 Bewohner wurden in neu gebaute Siedlungen auf der Höhe umgesiedelt. Die daoistische und buddhistische Tempelanlage, welche während der Han-Dynastie erbaut wurde, ist auf dem Hügel «Ming Shan» und glücklicherweise über dem Wasserspiegel geblieben. Dieser wurde, wie könnte es anders sein, gezielt für den Tourismus aufpoliert. Der Tempelhügel beherbergt viele unheimliche Statuen von Geistern, Dämonen und mystischen Wesen. Der Weg führt durch Tore und Tempel. Am Wegrand stehen viele Statuen. Oben befindet sich die Halle mit dem «König der Unterwelt», dem jüngsten Gericht, dem buddhistischen Fegefeuer, der Hölle und schlussendlich steht man vor dem Pavillon des Himmelssohnes.




Wenn man im nächsten Leben vom Schicksal verschont werden will, muss man auf dem Ming-Berg mit seinem 1'600 Jahre alten Kloster drei Prüfungen bestehen. Zuerst muss man in drei Schritten über die Brücke der «Hilflosigkeit» gehen. Unter der Brücke fliesst ein Blutfluss mit Geistern, die einem hinunterreissen wollen. Gehen Ehepaare Hand in Hand in drei Schritten darüber, werden sie auch im nächsten Leben wieder ein Ehepaar sein. Interessanterweise gibt es zwei Brücken nebeneinander. Wer die linke Brücke nimmt wird Glück und Gesundheit erhalten. Wer die rechte Brücke nimmt wird Reichtum erlangen, vorausgesetzt natürlich, dass man alle Prüfungen bestehen wird. Die zweite Prüfung führt durch das Höllentor. Nach dem Tor geht man einer Felswand entlang und darf nicht zurückschauen. Die letzte Prüfung ist, dass man drei Sekunden auf einem Bein auf einem wackeligen Stein durchhalten kann. Wer das nicht kann verbirgt etwas Böses. Nach dem Erfüllen der Prüfungen steht man dann vor dem Höllenkönig, der sechs Meter hoch und drei Meter breit ist. Er thront auf einem Bronzekoloss. Er gibt täglich Audienz, bewahrt das Buch auf, wo von jedem Menschen der Geburts- und der Todestag aufgeschrieben ist. 

Bild Mitte: Maria hat es geschafft 😊.

Abends fand die obligate Kapitänsgala statt, wo sich die ganze Führungscrew kurz präsentierte und einen Drink offerierte.

Bild links: Die obersten zwei rechteckigen Balkone gehörten zu unserem Zimmer.

Am folgenden Tag besuchten wir die weisse Kaiserstadt Baidi, respektive die Tempelanlage auf einer heutigen Insel. Die historische Stadt selber wurde überflutet. Einzig das Eingangstor wurde Stein um Stein abgebaut und am heutigen Standort wieder aufgebaut. Der Pegel stieg hier um die 100 Meter. Von dieser neuen Insel aus kann man den Felsen sehen, welcher auf der 10-Yuan Note abgebildet ist.


Bild Mitte: Immer wieder steht man plötzlich vor Gebäuden mit europäischem Einfluss. 

Nach dem Besuch der «Kaiserstadt» fuhren wir mit dem Schiff weiter und dockten in Wushan an. Hier besuchten wir die kürzeste der drei Schluchten, die Wu-Schlucht. (Die beiden anderen sind die Qutang- und Xiling-Schlucht). Wir genossen eine angenehme Fahrt auf einem kleineren Boot und machten Bekanntschaft mit einem Buben. Er rief mir "YeYe", was Grossvater bedeutet, zu. Die Sympathie war auf beiden Seiten gross.

Zweites Bild von links: Der alte Wanderweg bleibt. Rückbau kennt man in China nicht, er bleibt einfach. 

In der dritten Nacht fuhr das Schiff nach Yichang. Wir schliefen bestens, frühstückten und verliessen das Schiff. Wir besuchten die im Preis inbegriffene Besichtigung des Drei-Schluchten-Staudamms. Ein eindrückliches Bauwerk, wobei wir dachten, dass die Staumauer noch viel grösser sei als sie in der Tat ist.


Nach dem Baubeginn 1993 wurde der Stausee am 1. Juni 2003 hinter der 185 Meter hohen Staumauer gefüllt. Der Staudamm, wurde im Jahr 2008 eröffnet und ist das leistungsstärkste Wasserkraftwerk der Welt. Es liefert so viel Strom wie acht Atom- oder 50 Kohlekraftwerke. Der Staudamm hat 34 Turbinen, davon 32 Hauptgeneratoren. Die Staumauer ist über zwei Kilometer lang. Für die Schiffe hat es eine Doppelschleuse mit fünf Stufen und einem Höhenunterschied von ca. 100 Metern. Pro Tag passieren etwa 170 Schiffe. Die Wartezeit für die Schiffe sind überdurchschnittlich lange. Bei der Besichtigung wurde uns mitgeteilt, dass eine zweite Schleuse im Bau ist. Diese würde in kürzest möglicher Zeit gebaut, das sei in China möglich.

Der gestaute See hat eine Länge von über 660 Kilometern. Gemäss der NASA verlangsamte dieser Bau die Erdrotation um 0,06 Mikrosekunden. 

Die Vorteile dieses Baus sind die gewaltige Produktion von Strom. Früher gab es öfters Überschwemmungen dem Yangtse entlang. Mit diesem Bau kann das Hochwasser reguliert werden. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Region wurde massiv gefördert. Auch für die Landwirtschaft kann mit diesem Bauwerk die Wasserverfügbarkeit geregelt werden.

Nachteile eines solch gigantischen Baus gibt es natürlich auch. Die Zwangsumsiedlung von über einer Million Menschen (In Berichten habe ich auch von bis zu vier Mio Menschen gelesen, die umgesiedelt wurden) war bestimmt eine Herkulesaufgabe. Die kommunistische Regierung versprach Hilfe, doch die Versprechen wurden nicht konsequent umgesetzt, Gelder flossen wohl teils auch in korrupte Hände. Es folgten Proteste, doch solche haben in China ein kurzes Leben. Mit der Überflutung der Täler gingen nebst den Umsiedlungen viele historische Stätten unwiderruflich verloren. Man spricht von 13 Städten und 100 Orten. Es folgten auch vereinzelt Erdrutsche. 

Nach dieser Besichtigung bezogen wir unsere Koffer und fuhren mit einem Taxi in das neu eröffnete Hotel Orange in der Stadt. Wir fanden Zeit um das Erlebte etwas zu speichern und um die nächsten Stationen zu bestimmen. Der Besuch der Stadt Wuhan war ein Thema, doch wir beschlossen schlussendlich, direkt Richtung Enshi, Zhangjiajie und Wulingyuan weiter zu reisen.

Impressionen von einem Spaziergang dem Yangtse entlang vom Hotel aus. 


Nachfolgendes Bild von unserem Hotelzimmer aus. Das sieht man in China leider öfters. Ungesichert in luftiger Höhe auf einer Baustelle, etwa im 10. Stockwerk. 


Auf ein Wiedersehen in einer anderen Gebirgswelt!

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